Der Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen e.V.

 

Kirchengeschichtstagung in Riga zum Kriegsende 1945


„Wer nach Riga kommt, erlebt in der Altstadt die Atmosphäre der hanseatischen Backsteinkirchen und –gebäude, die aus den großen Ostseestädten bekannt ist. Die im Krieg angerichteten Zerstörungen sind nach und nach durch Wiederaufbau und Restauration vielfach beseitigt worden. Moderne Bauformen sind zurückhaltend zwischen historische Bauten gesetzt. Nach der Wende 1990 und dem Beitritt Lettlands zur Europäischen Union hat das Leben in einem bewußt freien, demokratischen Land begonnen. Zeichen des wirtschaftlichen Aufbaus und erschütternde Armut finden sich nebeneinander.“ So schildert ein Tagungsteilnehmer, Pfarrer i.R. Klaus Illmer-Kephalides, Vorsitzender der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen, das Ambiente der Tagung, die der Fachausschuß für kirchengeschichtliche Arbeit der EKMOE in Verbindung mit dem Ostkirchen-Institut der Universität Münster und dem Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen zum Thema „Das Kriegsende 1945 in seiner Bedeutung für die baltischen evangelischen Kirchen“ vom 22.-26. September in Riga durchgeführt hat. „Es besteht in Deutschland kaum ein Wissen über die bedrückenden Zeiten der Besetzungen des Baltikums durch Diktaturen, die zum Ziel hatten, die Kirchen auszulöschen“, fährt Pfarrer Illmer-Kephalides in seinem Bericht fort. „Eine Führung durch das Okkupationsmuseum konfrontierte die Tagungsteilnehmer hautnah mit dem Alltag von 50 Jahren Okkupation“, schildert Pfarrer i.R. Johannes Haerter seine Eindrücke: „Alle baltischen Kirchen hatten unter der Unterdrückung durch die sowjetische Besatzung schwer zu leiden. Am Kriegsende waren eine Reihe von lutherischen Pastoren geflohen, andere, darunter auch Bischöfe, wurden verhaftet, viele Kirchen waren zerstört.“

„Dreißig Teilnehmer, auch aus Ungarn, versammelten sich zu den Vorträgen der Referenten aus Lettland, Estland, Finnland und Deutschland und besuchten die Gedenkstätten der leidvollen baltischen Geschichte zwischen 1940 und 1991“, faßt ein anderer Teilnehmer, Sup. i.R. Dr. Heinrich Wittram, Vorsitzender des Deutsch-Baltischen Kirchlichen Dienstes, den inhaltlichen Gehalt der Tagung zusammen. „Zu den Details des Tagungsthemas hörten die Teilnehmer Vorträge: Prof. Dr. Jouko Talonen/Helsinki sprach über die ‚Ev.-luth. Kirche in der lettischen SSR im Jahr 1945’, Erzbischof Elmars Rozitis/Esslingen über ‚Die Entstehung der lettischen Auslandskirche’, Dr. Andrej Sychof/Tartu über ‚Die orthodoxe Kirche Estlands 1945-1953’. Verlesen wurde der Vortrag von Dr. Riho Altnurme/Tartu über ‚Die lutherische Kirche Estlands 1945-1953’. Den Vortragstag beschlossen Berichte über die kirchengeschichtlichen Forschungen, besonders eingehend von Prof. Talonen, ferner von der lettischen Pastorin Dr. Sarma Eglite, von Dr. Heinrich Wittram und (verlesen) von Dr. Riho Altnurme. Die beiden Folgetage ermöglichten Erinnerung und Mahnung an den Gedenkstätten für die Opfer der Kriegsjahre im Baltikum: Prof. Dr. Peter Maser erinnerte am Gedenkort für die jüdischen Opfer 1941-1945 im Walde von Bikernieki an das Schicksal der Juden in den baltischen Ländern, Eugen Upmanis führte uns zu den Gedenkstätten für die lettischen und deutschen Opfer beider Weltkriege, Dr. Imants Lancmanis zeigte uns in Ruhenthal/Rundale nicht nur das Schloß, sondern auch das von ihm begründete neue Museum zur Erinnerung an die zerstörten (und z.T. wieder aufgebauten) Kirchen Lettlands.

Nicht nur Leiden und Zerstörung, sondern auch den Wiederaufbau und gegenwärtiges kirchliches Leben konnten die Teilnehmer erkennen: In einer Führung von Prof. Dr. Oljahrs Sparitis durch die alten, großen Kirchen Rigas, von denen er sich besonders der im Krieg zerstörten St. Petrikirche angenommen hatte, in den lutherischen Sonntagsgottesdiensten der deutschen Gemeinde im Kapitelsaal des Domes bzw. der großen lettischen Gemeinde in der Jesuskirche, im Empfang am ersten Abend mit dem Stellvertreter des lutherischen Erzbischofs Pavits Bruvers und dem neuen deutschen Botschafter Eberhard Schuppius, dazu in Gesprächen mit lettischen und deutschen Gemeindegliedern. Wie das Gestern hinterließ das Heute in diesen Rigaer Tagen bei den Teilnehmern starke Eindrücke.“