Hilfskomitee der ev.-luth. Kirche aus Bessarabien e.V.

 

Der ehemalige Bundespräsident stammt aus Bessarabien

Arnulf Baumann

Der Nachfolger von Bundespräsident Johannes Rau, Professor Dr. Horst Köhler, hat seine Wurzeln in Bessarabien! Das sprach sich schnell herum, als seine Kandidatur bekannt wurde. Allerdings zeigte sich auch schnell, wie gering die Kenntnisse der allgemeinen Öffentlichkeit über diesen Landstrich und die Schicksalswege seiner früheren deutschen Bewohner doch sind. Bei der Ortsbestimmung der Herkunft des Kandidaten wurden Rumänien, Moldawien, die Ukraine und Polen bunt durcheinandergewürfelt. Deshalb sollen hier die bekannten Tatsachen kurz zusammengestellt werden.

Horst Köhler wurde am 22. Februar 1943 in Skierbieszow (damals Heidenstein genannt) im Kreis Samosch (Zamosc) im Osten des damaligen "Generalgouvernements" geboren. Seine bäuerliche Familie war erst wenige Wochen zuvor dorthin gekommen, vermutlich im Dezember 1942, im Zusammenhang mit der Ansiedlungsaktion für die früheren Bewohner vonHoffnungstal und einigen anderen kleineren bessarabiendeutschen Siedlungen, die bis dahin noch nicht angesiedelt waren. Wohl aus Mangel an zur Ansiedlung geeigneten Höfen im Wartheland, aber auch als Folge von weit nach Osten ausgreifenden Siedlungsplänen der NS-Oberen, war das Gebiet um Samosch im eigentlich für die polnische Bevölkerung reservierten Generalgouvernement zur Ansiedlung von Deutschen bestimmt worden.
 


In der Heimat des Bundesprädidenten
Ryschkanowka im März 2004
v. li.: Hugo Adolf, Ernst Schulz, Arnold Biffart, Dr. h. c. Edwin KeIm, Hugo Schreiber. (Der Bessarabiendeutsche Arnold Biffart lebt heute in Ryschkano wka.) Bildarchiv: Dr. h. c. Edwin KeIm

 

Die Familie Köhler stammt aus Ryschkanowka, der nördlichsten deutschen Siedlung in Bessarabien, 40 Kilometer nördlich der Kreisstadt Beltz (Balti).

Der Ort erhielt seinen Namen nach dem Großgrundbesitzer George Ryschkan, der 1865 einen Teil seines Landes an deutsche Siedler verpachtete, die aus den benachbarten Landschaften Galizien und Bukowina kamen, beide zur österreichisch- ungarischen Donaumonarchie gehörend. Nach den Aufbaujahren, in denen sie einen gewissen Wohlstand erreichen und ein Schul- und Bethaus in Gemeinschaftsleistung erbauen konnten, erwartete die Dorfbewohner ein schweres Schicksal: Im Ersten Weltkrieg wurden die männlichen russischen Staatsangehörigen zum Militärdienst eingezogen, die anderen nach Sibirien verschleppt oder nach Österreich ausgewiesen. Erst nach Kriegsende kehrten die Überlebenden zurück, Bessarabien gehörte inzwischen zu Rumänien. Durch die rumänische Landwirtschaftsreform zu Anfang der Zwanzigerjahre wurden die bisherigen Pachtverhältnisse aufgehoben und das Land in kleinen Parzellen von sechs Hektar je Familie an die nunmehr Landlosen verteilt. Das war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Die Köhlers kamen ursprünglich - wie viele andere Deutsche in Nordbessarabien - wohl aus Galizien, wo der Name Köhler unter den dortigen Deutschen häufig vorkam, während er im übrigen Bessarabien nur selten begegnet. Um den Lebensunterhalt zu sichern, gingen die Eltern in den Dreißigerjahren in die Gegend von Kronstadt in Siebenbürgen, wo der Vater Vorarbeiter in einem Sägewerk wurde; sie zogen aber später wieder in ihren Heimatort zurück. Dadurch gerieten sie Ende Juni 1940 unter sowjetische Herrschaft, aus der sie sich nur durch die Umsiedlung nach Deutschland befreien konnten. Die nächsten Stationen waren ein Umsiedlerlager in St. Pölten/ Österreich und vermutlich ein Ansiedlungslager bei Lodz (damals Litzmannstadt). Von dort aus erfolgte die Ansiedlung in Skierbieszow, zusammen mit anderen Landsleuten.

Doch ihres Bleibens war dort nicht lange. Bereits im März 1944 mussten Frauen, Kinder und alte Menschen das Gebiet wieder verlassen, weil der Druck der Partisanen zu stark geworden war. Sie wurden wieder in Lagern bei Lodz untergebracht. Im Juli 1944 folgten die wehrfähigen Männer, weil die Rote Armee bis in die Gegend von Samosch vorgedrungen war. Im Januar 1945 folgte die allgemeine Flucht, die die Familie nach Markkleeberg bei Leipzig führte. Acht Jahre später machte sich die immer größer werdende Familie wieder auf den Weg, der über verschiedene Flüchtlingslager schließlich in Ludwigsburg endete. Von dort aus begann Horst Köhlers beruflicher Aufstieg, in dessen Verlauf er sich in verschiedenartigen Aufgabengebieten bewährte, bis er nun in das höchste Amt der Bundesrepublik gewählt wurde. In Ludwigsburg lernte er auch seine Frau kennen, die ihm seit vielen Jahren zur Seite steht.

"In meiner Biografie spiegelt sich ziemlich viel deutsche Geschichte wider", hat Köhler einmal gesagt; speziell bessarabiendeutsche Geschichte möchte man ergänzen, und viel osteuropäische Geschichte dazu. Er hat seine Herkunft aus Bessarabien nie verleugnet, auch nicht seinen evangelischen Glauben. In seinen Äußerungen kommt vieles vom Pioniergeist der Vorfahren zum Vorschein, wenn er von der Kraft spricht, "mit Rückschlägen umzugehen und wieder neu anzufangen", von "Mut, Kreativität und Lust auf Neues". Es ist ihm zu wünschen, dass er diesen Geist den vielfach träge und mutlos gewordenen Bundesbürgern vermitteln kann. Mit seiner Antrittsrede hat er einen guten Anfang damit gemacht.

Schon durch seine Kandidatur hat Köhler die Landschaft Bessarabien und deren frühere deutsche Bewohner ins Bewusstsein gebracht. Als erster Bundespräsident, der nicht aus dem Westen des Landes kommt, kann er viel zur Bewusstmachung der vielfältigen Verflechtungen Deutschlands mit dem Osten Europas beitragen. Und wenn wir wieder einmal gefragt werden, wo wir denn eigentlich herkommen, dann können wir jetzt antworten: "Bessarabien ist die Landschaft, aus der unser Bundespräsident stammt!"